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In einer alten Ausgabe von brand eins (12 / 2011) bin ich über ein Interview mit Peter Weibel gestolptert, in dem es um den Wert und die Bewertung von Medienkunst geht. Weibel (*1944) ist Medienkünstler und -theoretiker und eine der wichtigsten Stimmen zur Medienkunst. Hier möchte ich die Frage nach dem – qualitativen wie materiellen Wert – dieser Kunst allerdings ebenso außen vorlassen wie die Überlegungen, was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ein Original ausmacht. (Das Interview liest sich hierzu sehr aufschlussreich.) Mir ist insbesondere ein Kommentar Weibels im Gedächtnis geblieben: 

„Die Fernsinne, Auge und Ohr, nehmen permanent eine Flut von virtuellen Bildern und Tönen auf. Wir leben in einer visuellen Kultur, in der die Fernsinne dominieren, weil die Tele-Technologie nur die Fernsinne verstärken kann. Die Nahsinne Geruch, Tastsinn, Geschmackssinn verkümmern. Das mobile Internet ist die letzte Stufe dieser Entwicklung. Mit dem Smartphone ist überall das gesamte Wissen der Welt verfügbar. Alles, was ich sehe, eine Statue in Venedig, eine Werbung in Tokio, einen Wasserfall in Brasilien, kann ich fotografieren und mit den Datenbanken abgleichen. Die Fern-Erfahrung überblendet die Nah-Erfahrung.“

Web 2.0 Bashing | Nun ist es ja außerordentlich salonfähig, „das Internet“ für alles Schlechte verantwortlich zu machen. Was früher die Egoshooter, ist heute Facebook. Der Datenklau! Die privaten Einladungen, die aus Versehen an alle gegangen sind! Die oberflächliche Selbstdarstellung! Und überhaupt, wer hat schon 1000 Freund, wichtig sind doch nur die Leute, die man persönlich kennt, das sind Freunde! (Oder sollte man bei Facebook, wie auch sonst, nicht jedes Wort streng wörtlich nehmen?) Man dürfte merken, dass ich diese Haltung so nicht teile. Und auch Weibel – als Medienkünstler – dürfte keine ganz so schwarzweiße Perspektive vertreten. (Aber auf seine Theorien möchte hier wie gesagt nicht weiter eingehen, sondern sein Zitat gewissermaßen als Aufhänger so stehen lassen.)

Zentraler scheint mir die Beschreibung des Status quo, wie sie in dem Zitat zum Ausdruck kommt, ganz ohne Wertung. Es ist hochspannend, solche Entwicklungen zu verfolgen – denn ohne Zweifel passieren im Bereich des WWW und allen damit verbundenen Facetten (Kommunikation, Wirtschaft, Kultur, …) Dinge, die die Zukunft maßgeblich prägen werden. Nein, die das Leben der vergangenen zehn bis zwanzig Jahre ganz entscheidend schon geprägt haben – Ende der 90er habe ich meine erste Emailadresse eingerichtet! Heute blogge, publiziere, kommuniziere, konsumiere ich mehr oder weniger rund um den Globus, verhältnismäßig problemlos.

Dennoch ist der persönliche Kontakt nach wie vor wichtig und, sagen wirs mal oldschool, toll! Als Blogger freut man sich über Kommentare, viele Leser kommen unter dem gleichen Nick wieder, man kennt sich – natürlich nur in einer gewissen Facette, aber das ist im „Real Life“ doch meist auch nicht anders, mit Kollegen, Sportbekanntschaften, Kundenbetreuern. Man tut sich leicht damit, virtuelles „Leben“ abzuwerten gegenüber dem „Real Life“. Das letztendlich nicht viel mehr meint, als dass man körperlich präsent ist – es steht damit in gewisser Weise wieder Fernsinn vs. Nahsinn.

Fern- und Nahsinne | Bevor ich hier jedoch zu sehr in ein Plädoyer fürs vielgescholtene Social Web abdrifte (beide „Welten“ haben ihre besonderen Vorteile, beide bieten Gefahrenpotenzial, das man bewusst händeln muss) – die Feuilleton-Kritik,  die auch bei Facebook (!!) immer mal wieder die Runde macht, dass man „vor lauter Computer/Smartphone“ das richtige Leben vergessen würde trifft nicht. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass das Körperliche, Gegenständliche gerade nicht „vergessen“ wird.

Ja, Weibels „Fernerfahrung“ dominiert ohne Frage, Wissen und Information werden in erster Linie visuell vermittelt. Gleichzeitig scheint mir mit der „Virtualisierung“ auch ein Gegentrend einherzugehen, nämlich das Bedürfnis nach „Naherfahrung“ – Selfies etwa. Das sich ständige Selbstfotografieren vor Sehenswürdigkeiten. „Ich war da!“.

Auch die vielbeklagte Veroberflächlichung – Mode, Schönheit und Selbstoptimierung von Haarverlängerung bis NasenOP – scheint mir eine Reaktion darauf, wenn auch wieder eine visuelle: Ständig präsente Bilder (ob nun „neumedial“ im Internet oder TV oder „klassisch-gedruckt“ in Zeitschriften und Werbung) werden sozusagen auf den eigenen Körper übertragen. Offenbar besteht das Bedürfnis, „fern“ Gesehenes für sich spürbar zu machen. Fernsinn meets Nahsinn.

Und ist der Trend hin zu Handgemachtem etwa beim Essen nicht auch eine mehr oder weniger logische Reaktion auf solche Entwicklungen? In der globalisierten Welt esse ich bewusst regional Produziertes (bestelle es dann aber im Online-Shop)? Tue meinem Körper bewusst etwas Gutes? Versuche in der globalisierten Welt buchstäblich in meiner lokalen Nähe zu bleiben?

Just some thoughts | Letztendlich zeigt auch dieser Blog nichts anderes: ein Interesse für Genuss, Handgemachtes, „Back to the roots“, weg von der Massenproduktion – das aber virtuelle geteilt wird und damit potenziell von „allen“ gelesen werden kann.

Um noch einmal auf das Einstiegszitat zurückzukommen – „Die Nahsinne Geruch, Tastsinn, Geschmackssinn verkümmern.“ Und: „Die Fern-Erfahrung überblendet die Nah-Erfahrung.“ Ja, die „Computerisierung“ des Lebens hat für eine Dominanz, oder sagen wir lieber Verstärkung des vor allem visuellen gesorgt. Aber nein, die anderen Sinne und Erfahrungen verkümmern nicht, sondern sind nach wie vor präsent – und drücken sich in ganz unterschiedlichen Reaktionen aus. Die zu beobachten sehr spannend sein kann!

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